Movement Culture

Movement Culture

 

Anfang des 20. Jahrhunderts revolutionierte ein, nach Großbritannien ausgewanderter, Mann aus Ostpreußen die bis dahin gängige Leibeskultur. Die Rede ist von Eugen Sandow, dem Erfinder des modernen Bodybuildings. Sandow definierte den Zweck der Leibesübungen von Grund auf neu, indem er einen am antiken Schönheitsideal orientierten Körperkult erschuf, der sich von der bisherigen Instrumentalisierung des Körpers, gänzlich abhob.

Mit der Geburtsstunde des Bodybuildings entstand eine völlige neue Subkultur, deren Anhänger vom Kraftsport und der damit einhergehende Optimierung des Körpers fasziniert waren. Zu Beginn dieser Ära galten Bodybuilder für einige Jahrzehnte als eine gesellschaftliche Randgruppe. Doch die Popularität des Sports wuchs Mitte des letzten Jahrhunderts rasant an und schwappte spätestens nach Deutschland über, als die Ikonen des Gold Gyms in Kalifornien durch ihre imposanten Erscheinungsbilder und ihre exzentrische Art zu Leben weltweite Bekanntheit erlangten. Männer wie Arnold Schwarzenegger lockten die Massen in die Fitnessstudios und wenig später waren es Jane Fondas Aerobic-Videos, die auch das weibliche Klientel begeisterten.

Der Peak dieses Trends war allerdings noch nicht erreicht, denn nie zuvor boomte Fitness so sehr wie heutzutage. Ein sportlicher und gesunder Lifestyle gilt in allen gesellschaftlichen Schichten längst als en vogue und regelmäßige körperliche Ertüchtigung hat sich zum festen Bestandteil des Alltags etabliert. Das Angebot an Trainingsmöglichkeiten erscheint schier endlos. Selbstverständlich haben sich die Trainingsmethoden und die Sportwissenschaft im Laufe der Jahre weiterentwickelt bzw. drastisch verändert. So sind beispielsweise im Rahmen dieser gigantischen Entwicklung immer mehr Strömungen entstanden, die sich bewusst vom konventionellen Workout im Studio abgrenzen wollten.

Trendsportarten wie Crossfit und Calisthenics legten neben anderen alternativen Strömungen den Grundstein für einen Paradigmenwechsel in der heutigen Fitnesswelt. „Funktionalität über Ästhetik“ lautet das Motto vieler Fitness-Enthusiasten unserer Zeit. Die Krönung dieser neuen Welle ist jedoch eine aufstrebende Gruppe höchst ambitionierter Sportler*Innen, die die Bewegung selbst zum Ethos erklärt haben. Den Keim für diesen Gedanken legte vor wenigen Jahren ein, aus Israel stammender, Bewegungskünstler und Visionär, namens Ido Portal. Seither hat sich eine Art Kult, genannt Movement Culture, mit einer ganz eigenen Philosophie zum Thema Bewegung formiert. Doch was steckt hinter dieser „Ido-logie“?

Bewegung ist Leben

So lautet der Leitsatz dieser Weltanschauung. Die Movement Culture beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der Frage nach dem Warum?
Warum bewegen wir uns? Und welchen Sinn hat Bewegung überhaupt? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, ist es notwendig sich von seinem sportlichen Schubladendenken zu lösen. Jeder Sport ist Bewegung, aber Bewegung ist kein Sport. Sport ist lediglich eine Erfindung des Menschen, um dem zeitgenössischen Bewegungsmangel und dem verstandgesteuerten Alltag entgegenzuwirken.

Anhand dieser Kompensation lässt sich erkennen, wie weit sich der Mensch im Laufe der Evolution vom Gebrauch seines Körper distanziert hat. Der menschliche Bewegungsapparat ist ein unglaublich anpassungsfähiges Universalgenie. Als Jäger und Sammler waren wir in ständiger Bewegung, waren gezwungen uns schnellstmöglich an unsere Umgebung anzupassen und lernten ununterbrochen dazu. Dieser Zeit verdanken wir die Komplexität unseres Gehirns und unseres Körpers.

Ausgehend von dieser Überzeugung liegt es nur Nahe, dass wir für vielseitige Bewegung und ständiges Lernen gemacht sind. Die Gene unserer Spezies haben sich überdies nicht erheblich verändert. Daraus lässt sich schließen, dass auch die physische Konstitution der heutigen Menschen zu herausragenden Leistungen im Stande ist. Sportarten sind jedoch auf Spezialisierung gewisser Bewegungsabläufe oder optischer Merkmale ausgelegt und decken bei weitem nicht das volle Potential menschlicher Bewegung ab.

Da es nun schwierig wäre wieder ein Leben wie unsere Vorfahren zu führen, bedient sich die Movement Culture schlichtweg verschiedener Sportarten wie Capoeira, Tanz, Klettern, Turnen u.v.m., um ein möglichst breites Bewegungsspektrum auszufüllen. Die Entstehung etlicher Sportarten hat somit den Vorteil hervorgebracht, dass wir uns in diversen Disziplinen ausprobieren können. Folglich können wir weiterhin ständig neue motorische Fähigkeiten erlernen, obwohl sich unser Lebensstil mittlerweile grundsätzlich von dem unserer Ahnen unterscheidet. Das Ziel einer generalistischen Bewegungspraxis ist somit nicht Perfektion einzelner Bewegungen, sondern das Ausbilden eines adaptionsfähigen, intuitiven Körpers.

Diese Herangehensweise bringt eine Menge Vorteile mit sich

Fettleibigkeit und kritische Gesundheitszustände sind in der westlichen Weltbevölkerung weiterverbreitet als je zuvor. Zweifelsohne entstand aus dieser erschreckenden Entwicklung heraus auch der derzeitige Fitnesstrend. Die Movement Culture stellt dabei den wohl radikalsten Gegenpol dar und antwortet mit einem gänzlich konträren Lebensstil. Ausgehend von einem gesundheitsbewussten Umgang mit sich selbst, rückt sie, wie kein anderer Trend, tägliche Bewegung als essentiellen Bestandteil unseres Lebens zurück in den Fokus. Zudem lassen sich die Vorzüge motorischen Lernens mit wissenschaftlichen Studien über die altersunabhängige Neubildung von Hirnzellen untermalen.

So beweist beispielesweise eine Studie der Oxford Universität aus dem Jahr 2009 die Beziehung zwischen dem Erlernen des Jonglierens und der Neubildung weißer und grauer Hirnsubstanz. Nach einer sechswöchigen Trainingsperiode stellte man hier ein fünfprozentiges Wachstum der weißen und einen ähnlichen hohen Anstieg der grauen Hirnsubstanz fest. Diese Veränderungen scheinen interessanterweise in keinem Zusammenhang mit der Leistung des Jongleurs zu stehen. Daraus lässt sich folgern, dass die neuronalen Veränderungen nicht davon abhängen, wie gut man eine Aufgabe meistert, sondern vielmehr, wie viel Zeit man in diese investiert. In einer ähnlichen Studie fand man heraus, dass für das neuronale Wachstum vor allem die Phase entscheidend ist, in der man zum ersten Mal mit einer neuen motorischen Herausforderung konfrontiert wird. Abschließend handelt es sich bei dieser Form des Trainings, im Gegensatz zu vielen herkömmlichen Sportarten, um eine langlebige Praxis. Denn durch die unterschiedlichen Trainingsreize wird der Körper keinen einseitigen Belastungen ausgesetzt, wodurch das Risiko für Dysbalancen und spätere Verschleißerscheinungen gering gehalten wird.

Doch neben all diesen Vorzügen hat auch diese Strömung seine Kehrseite. Movementtraining versucht zwar eine noch alternativere und ganzheitlichere Richtung einzuschlagen als andere Trendsportarten, läuft dadurch aber Gefahr wieder nur zu einem weiteren Dogma der Sportwelt zu werden. Ido Portal und seine engsten Schüler setzten durch ihren dezidierten Lebensstil unweigerlich den Standard für die Anhänger der Movement Culture. In den sozialen Medien verbreiten sie ihre neusten Bewegungskunststücke, sorgen damit weltweit für Inspiration und haben innerhalb des Kreises längst Legendenstatus erreicht. Doch genau diese Verherrlichung ist zugleich die Achillesferse der Philosophie des Movementtrainings. Denn längst assoziieren sich die Follower der Movement Culture mit der Nachahmung der Tricks und Kniffe ihrer Idole. Dabei geht allerdings einer der wichtigsten Kerngedanken der Philosophie verloren. Nämlich das selbstständige Forschen und Experimentieren mit Bewegung und dem eigenen Körper. Individualität und Kreativität sind letztlich die wichtigsten Zutaten für eine erfüllende Praxis. Wer also nicht nur blind dem nächsten Trend folgen möchte, sollte sich auf eine lange Reise zu sich selbst gefasst machen. In diesem Sinne: Bon voyage!

 

 

 

Quellen:

 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2770457/

 

https://www.researchgate.net/publication/305381022_Neuroplasticity_changes_in_grey_matter_induced_by_training

Verwandte Beiträge