Baby Motions (Teil I)

 

Drang nach Bewegung

Im Vergleich zur restlichen Tierwelt braucht der Mensch sehr lange um, im wahrsten Sinne des Wortes „auf eigenen Beinen zu stehen“. Die Geschwindigkeit unserer motorischen Entwicklung hinkt zum Beispiel derjenigen unserer engsten Verwandten, der Affen, weit hinterher. Zwar sind wir mit anderen Gaben wie unserem Verstand beschenkt worden, doch darum soll es in diesem Text nicht gehen. Fakt ist: Beim „Erwachsenwerden“ sind wir echte Spätzünder.

Dies scheint angesichts unserer komplexen Lebensform allerdings gar nicht so abwegig zu sein. Denn wenn es ein Tier auf der Welt gibt, das es sich gerne etwas komplizierter macht, dann ist das wohl der Mensch. Abgesehen von allen Errungenschaften, die wir mithilfe unseres Intellekts geschaffen haben, sind wir bereits hinsichtlich unserer Fortbewegung eine wahrlich außergewöhnliche Spezies. Der aufrechte Gang ist ein komplexes Bewegungsmuster, welches nicht umsonst durchschnittlich ein ganzes Jahr braucht, um erlernt zu werden.

Der Weg zum ersten Schritt des Kindes strotzt geradezu vor dem Drang nach Bewegung. Der Weg zur Aufrichtung erzählt uns dabei eine der faszinierendsten Geschichten aller Zeiten – nämlich die Evolution des Menschen. Die frühkindliche Entwicklung verrät uns gewissermaßen den motorischen Werdegang vom Einzeller zum Menschenaffen im Schnelldurchlauf. Um nicht zu weit auszuholen beginnen wir gleich bei der Geburt des Kindes und damit analog zur Evolutionstheorie bei der Bewegung zu Lande. Aber was ist nun gemeint mit dem motorischen Werdegang?

Das Erlernen der Bewegung

Der folgende Text orientiert sich grob am zeitlichen Ablauf des Erlernens frühkindlicher Bewegungen. Man stelle sich vor, der erste Fisch wagt sich aus dem Wasser ans Land. Von nun an hat er mit völlig neuen Bedingungen zu kämpfen und scannt neugierig die andersartige Umgebung ab. Dieser Fisch ist der Urahne aller Amphibien und erfährt als erster die Schwerkraft in einem bisher unbekannten Ausmaß. Die ihn zu Boden ziehende Kraft erschwert seine Bewegungen und strengt ihn zunächst einmal unglaublich an. Fast regungslos liegt er in Bauchlage da und lernt erstmalig das Atmen außerhalb des Wassers.

Diese Phase skizziert die motorische Entwicklung des Neugeborenen in den ersten zwei Monaten. Der dritte Monat ist geprägt von entscheidenden Ereignissen für das spätere Leben. Im Folgenden beschreibt die Analogie, was genau in dieser besonderen Phase vonstatten geht. Mittlerweile ist das Amphibium in der Lage mühselig seinen schweren Kopf zu heben. Genau diese Bewegung kräftigt allmählich seine Rückenstrecker und befähigt es schließlich sich auf die kleinen Ärmchen zu stützen. Von hieraus erkundet es eifrig die Landschaft, blickt nach rechts, links und sogar hinter sich.

Doch das bloße Gucken reicht ihm bald nicht mehr. Es will die Dinge aus der Nähe sehen und auf Erkundungstour gehen. Dazu muss es allerdings lernen, sich fortzubewegen und mit der Schwerkraft zurechtzukommen. Also nutzt es durch Gewichtsverlagerung geschickt die Gravitation zu seinem Vorteil. Es aktiviert seine Rückenstrecker, lehnt sich mit all seinen Gliedern auf eine Seite und rollt langsam in die Rückenlage. Dort angekommen, ist es wieder einmal hilflos. Denn bisher musste es fast ausschließlich seine rückseitige Muskulatur aktivieren, doch in der neuen Ausgangsposition wird es damit nicht weit kommen.

Wenn es sich nun wieder in Bauchlage drehen möchte, muss es also den frontalen Teil des Bewegungsapparats kräftigen. Durch Heben des Kopfes Richtung Bauch und das anstrengende Krümmen der Wirbelsäule, passen sich nach und nach auch diese Muskelgruppen an. Das Ergebnis ist eine ausgewogene Rumpfspannung, welche das Fundament für weitere Stufen der Fortbewegung bildet. An dieser Stelle spannen wir wieder einmal die Parallele zum menschlichen Kind, welches in der Regel zwischen fünf bis sieben Monate alt ist, bis es sich um die eigene Achse drehen kann.Nachdem der Grundstein für komplexere Bewegungsabläufe gelegt ist, folgt nun der funktionale Einsatz der Arme und Beine. Damit zurück zur Vita unseres Urahnens… (weiter geht es nächste Woche)

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